Narrenschiff Berufliche Vorsorge
Impressum: Autor ist Herbert Brändli (Details) – Kolumne in L'AGEFI, Dezember 2009. Dokument herunterladen in Französisch.
An Bord eines Narrenschiffes herrschen höchste Heterogenität der Fachkenntnisse sowie der geistigen und charakterlichen Veranlagung der Mannschaft. Das Wohl der zahlenden Passagiere dient als Vorwand für die Maximierung des eigenen Vorteils.
An unzähligen Finanzmärkten tummeln sich in allen Ecken und Enden der Welt Banker, Investoren, Spekulanten, Spezialisten, Laien aber auch Kriminelle und sture IT-basierte Maschinen sind vertreten. Viele suchen langfristige Anlagen, andere nur den kurzfristigen Gewinn. Individuelle Wissensvorsprünge gegenüber den übrigen Marktteilnehmern werden genutzt und für schnellere Gewinne wird mit vielfältigen Tricks versucht, die Preise in die eine oder andere Richtung zu dirigieren.
Das geschäftige Tun und Lassen an den Märkten wird fein säuberlich registriert und rasch über den Globus verbreitet. Diese Geschichtsschreibung findet ihren Niederschlag in Indices für Gesamt- und Teilmärkte oder Spezialitäten. Wer dieses Marktgeschehen wirklich versteht und ihm vertraut, kann es mit Herrn Martin Janssen halten und mit seinen Anlagen den Marktergebnissen hinterher springen. Er ist davon überzeugt, dass niemand langfristig die Indices schlagen kann und darum optimal investiert, wer seine Gelder gemäss einem Index anlegt oder Indices als eigenständige Anlagen direkt einkauft.
Der rührige Finanzprofessor steht im Einklang mit gepriesenen und nobel dekorierten Akademikern, die in den 1980-er Jahren allen Ernstes behaupteten, die oben charakterisierten Finanzmärkte seien effizient. Auf dieser wackligen Grundlage entwickelte eine Gemeinschaft um Samuelson, Fama, Jensen und Sharpe ihre Theorien. Daraus entstand das Capital Asset Pricing Modell, welches Preise und Vermögensentwicklungen nur mit statistischen Eintretenswahrscheinlichkeiten beschreiben will. Es bildet die Grundlage der modernen Portfoliotheorie rund um Nobelpreisträger namens Markowitz, Merton und Scholes. Sie quantifizieren mit Hilfe der Gaussschen Normalverteilung die Erträge mit Mittelwerten und die Anlagerisiken mit Standardabweichungen (Volatilität).
Diese Schönwettermodelle bilden heute für die Schweizer Pensionskassenwelt fast die einzige Hilfe bei der Anlage von rund 700 Milliarden Franken. Es gibt im Kapitalmanagement der Pensionskassen praktisch nichts, das nicht auf diesen Modellen mit Berechnungen auf falschen Grundlagen basiert. Sie werden vom Regulator und seinen Einflüsterern unkritisch propagiert. So wurden sie zum einzigen Handwerkszeug von unzähligen „Mitessern“ am Vorsorgekuchen. Gesetze, Reglemente, Analysen und Usanzen sind auf fehlerhaft ermittelte, negative Wertschwankungspotenziale fokussiert.
Besserung ist nicht in Sicht. Man müsste alle Profiteure des etablierten Systems auswechseln oder ihnen die lapidaren Instrumente wegnehmen, meinen Vertreter der Spieltheorie. Sie lassen massgebende, subjektive Faktoren in ihre Preisberechnungen und Risikoabwägungen einfliessen. Ihr Ansatz, welcher subjektive Reaktionen der Marktteilnehmer und nicht quantifizierbare Elemente einbezieht, wird beharrlich tot geschwiegen. Zu Unrecht, wie Warren Buffet und seine Lehrer Graham und Dodd mit ihren Erfolgsgeschichten bewiesen haben. Sie haben sich nicht auf Indices und den damit zusammenhängenden akademischen Unsinn von Mathematikern verlassen. Sie liessen Geld nur in Unternehmen fliessen, deren Geschäftsmodell und Marktsituation sie vollständig verstanden haben.
Warren Buffet hat seine Investitionen auf Fundamentalanalysen abgestützt. Voraussetzung für seinen Erfolg war die bedingungslose Fokussierung auf eine Sache, Fleiss, Hartnäckigkeit, Verständnis für Zahlen und Sinn für Innovation. Er hat sein Talent mit Energie, Offenheit, Integrität und Fairness kombiniert, alles Voraussetzungen und Eigenschaften, die der Regulator für die Anlageverantwortlichen der Pensionskassen bewusst ausklammert. Der Gesetzgeber schafft und geht weiterhin von einer weitgehenden Führungsbedürftigkeit der verantwortlichen Organe aus und hat ein dichtes Geflecht von Umsetzungsanweisungen samt Interpretationshilfen aufgebaut.
Mit der Strukturreform wird bestätigt, dass das Parlament zur „Gewähr für einwandfreie Geschäftsführung“ weiterhin auf tumbe Organe setzt. Führungsorgane müssen explizit keine Vorkenntnisse oder Ausbildung haben, da „im System eines paritätisch zu besetzenden obersten Organs solche Qualitätsvoraussetzungen nur schwer zur Vorbedingung gemacht werden können“. Das Parlament schafft einen grotesken Widerspruch zu den in Art. 51 a, BVV2 definierten, unentziehbaren und undelegierbaren Aufgaben der Stiftungsräte und der haftungsrechtlich vorausgesetzten Sachkompetenz. Das BVG dient nicht dem Wohl der Versicherten, sondern der Absicherung einer geschützten Werkstatt für Versicherer und Berater.
Herbert Brändli ist Betriebswirtschafter und Eidg. dipl. Pensionsversicherungsexperte mit einem breit diversifizierten Auftragsportefeuille. Herbert Brändli ist Gründer und Leiter der B+B Vorsorge AG, welche sich zur Aufgabe gemacht hat, mehr Dynamik und Transparenz in die berufliche Vorsorge zu bringen und ihren Kunden eine fundierte Beratung sowie interessante Alternativen zu bieten. Zurück
| Bot-Test (leave blank): |
