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BVG-Mindestzins – sechs Fragen

Impressum: Artikel in der AWP Soziale Sicherheit, Nr. 2, 30. Januar 2008. Autor: Herbert Brändli, Präsident des Stiftungsrates der Profond Vorsorgeeinrichtung

Noch vor zwanzig Jahren wurden Fragen zur Prüfung von angehenden PK-Experten gerne eingeleitet mit «Ein Politiker meint …». Kandidaten, die das Gegenteil träf ausformulierten, hatten leicht und gerne 100 Punkte. Wer nicht ganz verstanden hatte, durfte nachfragen. Sehr geehrter Herr Kaufmann, erlauben Sie mir darum vorerst ein paar Fragen zu Ihren kritischen Anmerkungen zum BVG-Mindestzins.

1. Pensionskassen haben in der Regel viele Versicherte unterschiedlichen Alters und darum einen unbegrenzten Anlagehorizont. Selbst wenn in einer Vorsorgeeinrichtung der Strom der aktiven Beitragszahler versiegen sollte, kann, solange gearbeitet wird und Gewinne erzielt werden, der ursprüngliche langfristige Anlagehorizont mittels Fusion einfach wieder hergestellt werden. Macht es unter diesen Voraussetzungen Sinn, bei der Betrachtung von Vorsorgeeinrichtungen jedes Jahresende so zu tun, als müssten sie liquidiert werden?

2. Neuerdings werden von Pensionskassen sogenannte ALM-Analysen verlangt, die den langfristigen Verlauf des Deckungsgrads für verschiedene Strategien bzw. Risiken aufzeigen. Alle Berater wählen zur Darstellung der Risiken einjährige Volatilitäten. Warum wird nicht auf monatliche, tägliche oder stündliche Werte abgestellt – oder wäre es vielleicht sinnvoll die Volatilität entsprechend der Planungsperiode zu bemessen? Untenstehende Graphik zeigt beispielsweise, dass die Risiken der Aktien vor allem in den ersten Jahren stark abnehmen und sich mit zunehmender Haltedauer denjenigen der Obligationen angleichen.

Risiko bei zunehmender Haltedauer

Risiko bei abnehmender Haltedauer von Wertschriften

3. Börsen sind unberechenbar, jeder Kuhhandel wirkt dagegen seriös. Auf diesen Märkten tummeln sich neben Unternehmern und Investoren auch zahlreiche Gierhälse, Lemminge, Halunken, Heuschrecken, Versicherungen und Banken. Ihr Tun wird mit Indices nachgezeichnet, die den Börsenverlauf und Teile davon abbilden. Gibt es für den langfristigen Investor keine besseren Orientierungshilfen und Messlatten?

4. Zwischen dem Eintritt in die berufliche Altersvorsorge und dem Ablauf der Altersrente vergehen rund 60 Jahre. Über diese Zeitspanne performten Portfolios, die seit 1925 mit Schweizer Titeln für Aktien und Obligationen zufällig zusammengestellt wurden, mit durchschnittlich 8,5% bzw. 4,4%. Die Graphik der rollenden Durchschnittsrenditen zeigt eine relative Konstanz bei den nominellen Obligationen und eine steigende Tendenz bei den Aktien. Analoge Zahlen lassen sich für andere Anlageinstrumente und Märkte ermitteln. Gibt es bessere Indikatoren für die langfristig zu erwartenden Renditen, als Vergangenheitswerte?

Durchschnittsrendite ab 1925, rollend über 60 Jahre

BVG Durchschnittsrendite

5. Die Performance von Pensionskassen, z.B. Profond, die signifikant in Aktien investiert ist, erreichte dieses Jahr drei ausgeprägte Spitzen zwischen 5 % und 9 % und fiel dazwischen bis auf Null und auch darunter. Der Stand am 31.12.2007, 0.00 Uhr ist ungewiss, wird aber sicher noch Jahresenddispositionen der Marktteilnehmer beinhalten. Macht es Sinn den Deckungsgrad und damit die „Sicherheit“ von Pensionskassen auf diesen Stichtag hin zu berechnen, warum nicht beim Höchst oder Tiefst, oder an einem willkürlichen Stichtag ? Könnte es sein, dass dieser Massstab zur Beurteilung der Risikofähigkeit überhaupt unzweckmässig ist, zumal er noch massgeblich durch die Verteilungspolitik der Stiftungsräte und die Mutationen zwischen den Vorsorgeeinrichtungen beeinflusst wird?

6. Das Ziel ist entscheidend und weniger der Weg, der dahin führt. Wer 1925 100 Franken in Schweizer Aktien investierte, hat heute, 80 Jahre später, rund 66'000 Franken auf dem Konto, wer es mit Obligationen versuchte, besitzt rund 3'500 Franken. Das ist beträchtlich weniger, als zwischenzeitliche Schwankungen auf der Spur der Aktien. Das Auf und Ab ist beeindruckend und kann kurzfristig Ängste auslösen, führt aber offensichtlich zu Zielen, die viel höher gesteckt werden können, als mit Obligationen. Gibt es abgesehen von regulatorischen Vorschriften und Jahresendängsten einen realistischen Grund beim unendlichen Anlagehorizont von Pensionskassen in grösserem Umfang Obligationen im Portfolio zu führen?

Nominelle Weiterentwicklung von Aktien und Obligationen

Nominelle Weiterentwicklung von Aktien und Obligationen

Pensionierte sollen mit den betrieblichen Altersrenten während rund 20 Jahren ihren Lebensunterhalt bestreiten. Ist unter diesem Aspekt die nominelle Sicherung von Kapital und Renten eine sinnvolle Zielsetzung ? Wenn ein Politiker meint, dass Altersguthaben von Pensionierten zum technischen Zins verzinst werden müssen und letztlich eine Mindestverzinsung von Null als Garantie zur Kapitalerhaltung vorgibt, haben die Prüflinge ein zu leichtes Spiel, denn hier hat jemand das System offensichtlich grundsätzlich nicht verstanden.

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