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«Leistungskürzungen sind nicht notwendig»

Impressum: Interview von Werner Grundlehner mit Herbert Brändli (Details) – Artikel in der SonntagsZeitung, 26. September 2010, Seite 113. Mit vorhandener Genehmigung.

Der Pensionskassenexperte Herbert Brändli von B+B Vorsorge AG macht sich Sorgen um die zweite Säule. Wenn er seine Position vertritt, scheut er vor provokativen Aussagen nicht zurück..

Herbert Brändli, in der Finanzkrise sanken die Deckungsgrade der Pensionskassen empfindlich. Inzwischen sind sie wieder gestiegen. Können wir uns nun beruhigt zurücklehnen?

Nein, das war nur ein Nebenschauplatz. Das eigentliche Problem ist: Pensionskassen können ihren Auftrag mit den vorgeschriebenen Anlagen in den Geldmarkt und Obligationen niemals erfüllen. Sie müssten an der Entwicklung der Wirtschaft teilhaben und mehr Aktien von innovativen und wertschöpfenden Unternehmen halten. Die Schwankungen der Deckungsgrade sind die direkte Folge der Marktschwankungen. Es besteht aber kein Grund zur Sorge, solange es sich nur um Buchverluste handelt: Heute ist es das Hauptziel der PK, Ende Dezember nicht weniger auszuweisen als Anfang Jahr. Renditeziele kommen so zu kurz.

Wurde die Öffentlichkeit mit der Diskussion um den Umwandlungssatz von den wahren Problemen der beruflichen Vorsorge abgelenkt?

Der Staat nimmt sich die Pensionskassengelder immer näher zur Brust und nivelliert die Produktivität der Pensionskassen auf sinkendem Niveau. Bis zur PK-Reform im Jahr 1985 traten Missverhältnisse zwischen Leistung und Finanzierung vor allem bei öffentlich-rechtlichen Vorsorgeeinrichtungen auf. Mit der gesetzlich verordneten Reduktion der Effizienz sind zunehmend auch privatrechtlich organisierte Pensionskassen davon betroffen.

Was verstehen Sie unter «zur Brust nehmen»?

Der Staat hat politisch und finanziell ein Interesse daran, dass die Anlagepolitik auf festverzinsliche Werte ausgerichtet bleibt. So wird der Verkauf von billigen Staatsanleihen gesichert. Im aktuellen Marktumfeld weisen diese sogar ein höheres kurzfristiges Risiko auf als Aktien.

 


«Die Versicherten SIND ÜBERFORDERT»


 

Wie bekommen wir die Vorsorge wieder fit für die anstehenden Herausforderungen wie Überalterung und längere Lebenserwartungen?

Zunehmende Rentenlaufzeiten sind nicht neu und wurden von den PK bisher immer problemlos finanziert. Der Einfluss der Erträge auf die Höhe der Altersrenten ist enorm. Bereits eine massvolle Erhöhung füllt das wegen der zunehmenden Lebenserwartung angeblich entstehende Loch.

Sollen die Probleme nicht auf der Leistungsseite – mit einer Erhöhung des Rentenalters oder einer Senkung von Mindestverzinsung, Umwandlungssatz und Renten – gelöst werden?

Solange Pensionskassen das natürlich gegebene Ertragspotenzial nicht ausschöpfen, sind keine Leistungsreduktionen notwendig. Mit einer Umkehrung der heute anerkannten Vorgabe auf 25 Prozent Festverzinsliche und 75 Prozent Substanzwerte könnten die Altersrenten trotz zunehmender Laufzeiten um mindestens die Hälfte erhöht werden.

Mit welchen Erträgen kann man langfristig rechnen?

Die Schwankungsrisiken von Aktien, Immobilien und Obligationen korrelieren mit der Haltezeit – ab 30 Jahren liegen die Volatilitäten für Aktien, Immobilien und Obligationen unter einem 1 Prozent. Auf lange Sicht rentierten diese Anlagen in der Schweiz mit 8, 6,5 beziehungsweise 4,5 Prozent. Diese Renditeunterschiede sind weltweit noch einiges ausgeprägter. Mit einer adäquaten Strategie darf demnach mit nachhaltigen, realen Erträgen zwischen 4 und 5 oder nominell 6 bis 7 Prozent gerechnet werden.

So langfristig können die Gelder aber nicht angelegt werden. Was passiert, wenn ein Angestellter die Stelle wechselt?

Das Freizügigkeitsgesetz ist leider ebenfalls ein Hemmschuh für eine effiziente Anlage. Es kann geschehen, dass ohne Not im anlagetechnisch dümmsten Moment Guthaben überwiesen werden müssen. In der jetzigen Praxis haben die Pensionskassen ein vitales Interesse daran, dem scheidenden Versicherten möglichst wenig Geld mitzugeben. Eine Lösung wäre es, die erworbene Leistung bei der ursprünglichen Kasse zu belassen. Beim neuen Arbeitgeber würde ein neues Altersguthaben eröffnet, und der Mitarbeiter bestimmte selbst, ob und wann seine Ansprüche übertragen werden.

Dank Versicherungsausweis wissen wir doch, wie viel wir zu gut haben?

Nein, damit wird den Versicherten Sand in die Augen gestreut. Die Berechnungen basieren auf falschen Projektionen. Einem 25-jährigen mit wenig Einkommen wird nach dem Berufseinstieg ein viel zu hohes Altersguthaben ausgewiesen. Meist hat der Betroffene so viele Nullen noch nie gesehen. Je näher aber die Rente kommt, desto realistischer werden die Annahmen und desto kleiner die Leistungen gegenüber dem Lohn. Das viele Geld, das diese jährliche Negativinformation verschlingt, würde man besser sparen. Das Gleiche gilt für anderen administrativen Unsinn wie beispielsweise die Deckungsgrade, die teilweise bereits monatlich oder noch kürzerfristig berechnet werden. Wissen wir wirklich, ob 110 Prozent im Moment besser sind als 95 oder 70? Entscheidend ist doch, wie sich das Anlagevermögen zusammensetzt und wie es sich langfristig entwickelt.

Die Leistungen der beruflichen Vorsorge sind seit dem Obligatorium stark gesunken. Warum?

Die berufliche Vorsorge hat seit Einführung des BVG 1985 tatsächlich massiv von ihrer ursprünglichen Effizienz und Flexibilität verloren, weil die Regulatoren nicht zugunsten der Versicherten arbeiten. Im Verein mit der politischen Lobby verfolgen sie die Interessen von vorsorgefremden Akteuren und pflegen das eigene Gärtchen.

Was ist ihrer Ansicht nach der grösste Hemmschuh für eine Reform und eine Genesung des Schweizer PKSystems?

Die Versicherten, also die formalen Eigner der Pensionskassen, verirren sich in einem Dschungel aus Fachterminologie und Vorschriften. Sie sind völlig überfordert und leiden an einem Informationsnotstand kombiniert mit entsprechender Handlungsohnmacht. Alle anderen Akteure können ihre Interessen an der 2. Säule wesentlich besser durchsetzen. Es ist überfällig, dass sich die Versicherten als einzig Legitimierte persönlich für ihren Sparbatzen für die Zeit nach der Pensionierung organisieren.

 

Herbert Brändli ist eidg. dipl. Pensionskassenversicherungsexperte und Geschäftsführer der B+B Vorsorge AG in Thalwil.


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