Etatismus versus Volkskapitalismus
Impressum: Autor ist Herbert Brändli (Details) – Artikel in stocks.ch (Experten-Kolumne) am 29. Juli 2011. Link für Download Artikel.
Gesellschaftliche Konflikte über Einsatz und Nutzen der Vorsorgeinstrumente gehören zur langen Geschichte der Sozialversicherungen. Gewöhnlich kumulieren die politischen Auseinandersetzungen bei Finanzierungsfragen. Fundamentale Debatten über das Vorsorge- und Rentensystem finden kaum mehr statt. Der Bundesrat handelt zuerst und denkt später noch darüber nach.
Bundesrat und Politiker überzeugen Lösungen, die wenig aktives Denken erfordern und dafür emotionale Schaltstellen anregen, besser, als mit Sachkenntnis und Fleiss erarbeitete Gedanken. Ein typisches Beispiel liefern die derzeit populären Annahmen über die künftigen Erträge von Pensionskassengeldern, die wie folgt daher kommen. Erstens: Massgebend ist das gerade erreichte Zinsniveau, gemessen an den Schweizerischen Bundesobligationen, denen wider jede Evidenz Risikolosigkeit attestiert wird. Zweitens: Die Aktienmärkte haben in den letzten fünf bis zehn Jahren per Saldo nicht zugelegt, Grund genug, diese stark volatile Seitwärtsbewegung als allgemeingültigen Trend linear in die Zukunft zu interpolieren.
Es regiert die tendenziöse Interpretation. Autoritär vorgetragene, massenhafte und stereotype Wiederholungen unhaltbarer Ansichten verhindern deren kritische Hinterfragung. Wer erinnert sich wie vor zehn bis zwanzig Jahren die Rentner die Aktiven geradezu unanständig subventioniert haben? Statt fälliger Rentenerhöhungen waren über Jahre Beitragsferien für die Jungen die Regel. Der stetige Hinweis auf die mangelnde Ertragskraft schürt die Urangst des Menschen vor ungenügender Versorgung im Alter und lähmt seinen Verstand. Es scheint niemanden zu interessieren, ob nicht realistischere Szenarien möglich wären und, wenn nicht, ob das formelle Überleben der Pensionskassen bei der angesagten Leistungsverschlechterung überhaupt noch Sinn macht.
Mittlerweile ist der unfundierte Ertragspessimismus Kult und jedermann kann sich gedankliche Unschärfe als Ausdruck der Seriosität anrechnen lassen. Er läuft dabei ein geringes Risiko. Erstens befindet er sich in guter Gesellschaft und zweitens hat noch kein Wahrsager den Kopf verloren, weil die Wirklichkeit seine Prognose positiv übertroffen hat. Die tiefen Spuren, welche die Berücksichtigung ihrer Erwartungen im Verein mit den kaschierten Systemschwächen im Anlagesubstrat der Pensionskassen hinterlassen, sind auch kein Anlass zur Sorge. Die eingespielten Mechanismen, Gesetze und Verordnungen werden Stümpereien nachträglich als erstklassig wahrgenommene Treuhandpflichten angesichts höherer Gewalten aussehen lassen, während Unternehmertum in der 2- Säule suspekt ist.
Systematische Grossangriffe auf die kollektive, eigenverantwortliche Altersvorsorge erfolgten bereits in den Jahren 1880 bis 1972. Matthieu Leimgruber weist nach, dass die Privatversicherer nach dem zweiten Weltkrieg eine „Eindämmungsstrategie“ entwickelten, „um Spielraum für ihre eigenen Versicherungsangebote zu schaffen, vor allem in der beruflichen Vorsorge“. Dabei konnten sie sich auf die Gewerkschaften abstützen, „die lange Zeit glaubten, mit den Pensionskassen sei der erste Schritt in Richtung Volkskapitalismus und Mitbestimmung bei der Investitionspolitik in den Betrieben getan“. Mit gleichem Hintergrund setzen Versicherer seit Einführung des BVG auf niedrige Zinsen und Nominalwertgarantien für (abnehmende) Renten und versprechen damit den Werktätigen im Gegenzug einen irrsinnigen und unwiderrufbaren Realwertverlust auf ihren Sparbatzen.
Die Strategieverfechter von Anlagen in ertragslose Risiken, wie Staatsanleihen, gefährden das Kapitaldeckungsverfahren fundamental und reduzieren es auf ein umlagebasiertes System, wie die AHV, mit allen Vor- und Nachteilen bezüglich Umverteilungen und Konflikten zwischen Reich und Arm, Jung und Alt. Dagegen hat die Weltbank das Kapitaldeckungsverfahren zum besten System der Welt erklärt, das der zunehmenden Vergreisung entgegenwirken könnte. Es sei wie eine moderne Form des Volkskapitalismus, wenn alle Versicherten indirekt in Aktien investierten.
Diesem Grundgedanken, auf dem das BVG ursprünglich basierte, kann sich auch Roger Nordmann von der SP vorbehaltlos anschliessen. „Jeder Arbeitnehmer wird an den Erträgen des Kapitals beteiligt“ und die Leistungen sollen nach dem Marktprinzip bereitgestellt werden. Ihm widerstrebt, wenn das System zu „einer Plünderung vieler durch einige wenige ausartet“ und dabei vergessen geht, dass viele autonome und selbständige Pensionskassen hervorragende Arbeit leisten. Er meint, ihr Modell sollte auf alle BVG-Einrichtungen ausgedehnt werden. Bundesrat und Politiker machen genau das Gegenteil und gründen den grundsätzlich systemgefährdenden Versicherungen im BVG eine eigene Kaste.
Herbert Brändli kommentiert für Stocks aktuelle Entwicklungen in der eidgenössischen Vorsorgepolitik und ist Betriebswirtschafter sowie Eidg. dipl. Pensionsversicherungsexperte mit einem breit diversifizierten Auftragsportefeuille. Herbert Brändli ist Gründer und Verwaltungsratspräsident der B+B Vorsorge AG, welche sich zur Aufgabe gemacht hat, mehr Dynamik und Transparenz in die berufliche Vorsorge zu bringen und ihren Kunden eine fundierte Beratung sowie interessante Alternativen zu bieten.
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